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Sprache und Manipulation von Krankheits-Auffasssungen
Somatisch fixierte Mediziner schreiben oft in Krankheitsberichten
so etwas in der Art:
- Allgemeinbefunde bei psychovegetaver Labilität
- funktionelle Störung ohne Krankheitswert
- ernste Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden.
Hierbei handelt es sich um eine sprachlich raffinierte Ausdrucksweise,
Psychosomatik und Neurosenlehre nicht zur Kenntnis zu nehmen. Besonders
bedeutsam ist die Bemerkung "ernste ...", womit man psychische
Störungen und ihre somatischen Folgen schnell in die Ecke von "nicht
ernst nehmen, unwichtig und Bagatelle" stellt.
Ergebnisse
der Forschung werden in Mengen veröffentlicht. Dem Leser fehlt
meist die Möglichkeit, die Ergebnisse zu beurteilen. Dazu bräuchte
man umfassende Kenntisse der Sachlage, des Forschungsstandes und
mathematisch-statistisches Fachwissen.
Die Münchener Medizinische gibt in ihrer Rubrik "Aktuelle
Medizin ... Kritisch gelsen" eine Hilfestellung. Forschungsergebnisse
werden vorgestellt und kommentiert - natürlich kritisch. Das
Lesen dieser Rubrik - auch wenn einen die einzelnen Ergenisse nicht
interessieren - trainiert die eigene Beurteilungsfähigkeit
solcher Studien und Experimente. Wichtig für den Psychoanalytiker: Man
lasse sich durch solche Zahlenspiele nicht allzusehr beeindrucken.
Der Hintergrund für viele Forschungen ist ganz einfach: Man
braucht sie für die Habilitation und für die Karriere
im Allgemeinen oder es handelt sich um "Sponsoring" durch
Firmen der Gesundheitsindustrie (z.B. Pharmaindustrie). So wird
also munter produziert.
Das gilt auch für die Akademische Psychologie. Hier wird
besonders viel mit Wasser und einer Beimengung Alchemie gekocht.
Da ist die Verhaltenstherapie besonders beliebt, weil man mit schlichten
experimentellen Designs schnell die gewünschten Ergebnisse
produzieren kann. Auch hier ist die Pharmaindustrie gerne
mit im Boot.
Damit man als Psychoanalytiker sich nicht zu sehr beeindrucken
lässt, seien hier einige Hinweise zur Kritik an den Zahlenspielen
aufgeführt.
1. Kritik, welche aus den mathematischen Grundlagen der Statistik
selbst folgt
Das ist der schwierigste Teil, weil letzlich nur Mathematiker
das notwendige Wissen haben. Daher nur ein Beispiel: Bei Fragebögen
wird üblicherweise mit Skalen gearbeitet: von 1 bis 7, von
+3 über 0 zu -3 oder viel ... wenig ... nie ...
usf.
Die Auswertung erfolgt nach mathematischen Theorien, die bei den
Intervallen gleiche Abstände fordern. Diesen Beweis bleiben die
Anwender der Fragebogen aber schuldig. Somit nutzt auch die
Exactheit der Faktorenanlyse nicht viel, weil von vorneherein mit
unbewiesenen Annahmen gearbeitet wird.
2. Kritik am Design
Typische Fehler: Fehler der Stichprobenauswahl, Fallzahlen zu
klein, Gruppenvergleiche fehlen, Beobachtungszeitraum zu kurz.
3. Kritik an der Psychopharmakaforschung
Die Deutschen werden massiv mit Psychopharmaka abgefüttert.
Hierbei gibt es auch typische Irrtümer bei der Unterstellung von
Wirkung:
a) Ein definierter biochemischer Wirkmechanismus garantiert eine
klinische Wirkung - falsch! Typisches Beispiel: Antidepressiva
b) eine Besserung nach Einnahme ist auf dieVerordnung zurückzuführen
- kann sein oder auch nicht! Sog. Placeboeffekte sind sehr häufig
- siehe Bachblüten. Dann gibt es Selbstheilungsverläufe, Spontanremmissionen
usw.
4. Publication Bias
Typischerweise werden von Universitäten und Industrie Forschungsbefunde
ohne Ergebnis oder mit negativem ergebnis unterdrückt. Viele universitäre
Forschungen werden im übrigen von der Industrie gesponsert. "Sponsern"
heißt in dem Zusammenhang: "Du lieferst mir die Ergebnisse, die
ich hören will." In diesen Zusammenhang gibt es
inzwischen von den wenigen Kritikern die Begriffe von "Ghostwriter"
und" Mietmaul".
Diese Sachverhalte sind auch für die Verhaltenstherapie bedeutsam.
Die vorgebliche Überlegenheit der Verhaltenstherapie bei einigen
Störungen hat wohl damit zu tun, dass in den Studien Psychopharmaka
und Verhaltenstherapie kombiniert werden. Verhaltenstherapie und
Psychopharmakaindustrie haben also ein gemeinsames Interesse.
5. Die Lügen der wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Werbung
Hier einige Beispiele zur Pharamindustrie:
a) Nebenwirkungen werden in den Informationen verharmlost
b) Die Indikation wird auch auf nicht erforschte Erkrankungen
ausgeweitet
c) Aus Tierversuchen wird auf Menschen geschlossen
d) Die therapeutischen Wirkungen werden übertrieben
e) Weglassen von Studienergebnissen, welche das schöne Bild
stören.
Hier ist das Zusammenwirken von Universität und Industrie besonders
effektiv: Ist ein Medikament zugelassen, kann nun jeder Forscher
darüberhinausgehende Wirkungen behaupten, welche die Zulassung
nicht mehr gefährden, weil die Aussagen ja nicht von der Firma
kommen. So gelangen wundersame Wirkungsbehauptungen in die Fachliteratur,
ohne dass die Firma dafür belangt werden kann.
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