|
Auf
diesen Seiten werden Forschungen vorgestellt, die in der Presse propagiert
werden und bei denen ein eklatanter Mangel an psychoanalytischem
Fachwissen die Augen brennen lässt.
Die Qualität der Medien ist im Sinkflug. In vielen
Ärztemagazinen werden bloß noch unkritisch - teilweise mit irreführenden
Überschriften - irgendwelche "Studienergebnisse" veröffentlicht.
Hier werden die Pressemappen der Pharmaindustrie verwertet und
auch völlig unkritisch irgendwelche Studienergebnisse
bekannt gegeben.
Die gesamte, auf Statistik beruhende Forschungsmethodik der Medzin
hat sicherlich die Medizin aus dem Umkreis von Mythologie und Magie
befreit. Jedoch wird nun die Statistik als neuer Gott angebetet.
Hierbei wird völlig übersehen, dass die Statistik Gott und Teufel
zugleich ist, um im Bilde zu bleiben. Die konkrete Anwendung
der Statistik auf Daten birgt dermaßen viele statistisch-mathematische
Tücken, dass viele Studien nur für die Mülltonne sind. Hinzu
kommen sehr viele Mängel bei der Datenerhebung. Die Interpretationen
sind meist sehr oberflächlich und sind der Pferdefuß, an dem der
Teufel erkennbar wird. Typisch ist, dass psychonalytisches
Wissen, zum Teil Erkenntisse, welche nun das Hunderjährige feiern
könnten, von den statistischen Forschungslegionen nicht zur Kenntnis
genommen wird. Vielleicht, weil dazu das Lesen von geistig anspruchsvoller
Fachliteratur gehört. Es scheint viel lustiger zu sein, am Computer
zu sitzen und seine Spielchen mit SPSS* zu machen.
Erwähnen möchte ich die Münchener Medizinische Wochenschrift.
Hier finden sich zu vielen Artikeln ("Studien") kritische Kommentare,
und dass ist sehr hilfreich.
*) SPSS = Statistical Package for Social Sciences = Statistikprogramm.
Für die Übersendung von Beispielen danke ich. Diese
bitte scannen und als JPG-Datei mailen an: info@psychoanalyse.name
"Heilung für Selbstzweifler - Kekse futtern bannt die
Todesfurcht": so titelte eine medizinische Fachzeitschrift.
Unter weiter heißt es: "Sozialpsychologen haben eine
neue Waffe gegen Todesfurcht entdeckt. Mit vielen Süßigkeiten
ringen Menschen ihre Ängste nieder." Der Schreiber des
Artikels bezieht sich eine eine Veröffentlichung von Alison
Motluk in der New Scientist 2008, 198, No. 2658 , S. 12 ff. mit
dem Titel "Body's own drug damps down fear".
Zunächst einmal kann man davon ausgehen, dass diese Studie
wohl nicht von der Pharmaindustrie, sondern eher von der Süsswarenindustrie
gefördert wurde. Süßigkeiten seien also eine Waffe
gegen Todesfurcht. Interessant, denn die Ursache der Todesfurcht
sind ja gerade zum einem Teil Waffen. Also: Waffen gegen Waffen.
Und das zum Zwecke der Heilung. Psychonalytiker sollten also Kekse
ins Behandlungszimmer stellen. Sofern für diese kein Waffenschein
erforderlich ist. Die Studie ist aber auch für das Militär
bedeutsam: Vielleicht kann man so der Todesfurcht der amerikanischen
Soldaten mit einer neuen Waffe beikommen (und erspart sich Alkohol
und Psychopharmaka). Vielleicht erklärt dies auch, warum über
50% der Amerikaner adipös sind.
Die empirische sozialpsychologische Forschung
bringt sich selbst also völlig neuartige Erkenntnisse. Psychoanalytiker
hingegen haben das Essen von Süssigkeiten als Abwehr gegen Ängste
(und auch Depressionen) schon seit 100 Jahren entdeckt. Aber nicht
empirisch mit Signifikanzniveau. Sondern durch die klinische Einzelfallstudie.
Aber das nehmen die Statistiker nicht zur Kenntnis. Die erforschen
den Menschen als faktorenanalytisches Summenwesen. Einzelfälle
(sog. "Menschen")
haben für die empirischen Sozialpsychologen keine wissenschaftliche
Bedeutung. Und so kommt man scheinbar zu Neuentdeckungen.
2007 Mai Schlafstörung und Bindung
Das Risiko von Schlafstörungen wird durch Kontakte zu vertrauten
menschen ersetzt. Das ergab eine Studie aus Schweden mit
über 10.000 Fällen. Wer dagegen wenige bindungen hat, schlafe schlechter.
Psychoanalytisch gesehen nicht wirklich überraschend.
Fehler: Der Zusammenhang wird kausal interpretiert. Es ist
eher zu erwarten, dass Menschen mit neurotischen Beziehungsstörungen
auch schlecht schlafen. Wieviel Steuergelder wurden hier mal wieder
für die empirische forschung ausgegeben?
Umzug und Scheidung - 2006 10
Das Rostocker Max-Planck-Institut für Demographische Forschung
hat herausgefunden, das häufigere Umzüge die Scheidungswahrscheinlichkeit
erhöht.
Dem korrelativen Ergebnis wollen wir glauben, allein der Folgerung
nicht. Zunächst
gibt es nur eine Korrelation zwischen den beiden Variablen. Korrelationen
geben aber keine Ursachenrichtung an! Psychoanalytiker wissen:
Wenn es in der Beziehung nicht stimmt, dann versucht man Lösungen.
Z.B. eine neue Wohnung, verbunden mit der Phantasie, dass dann
die Beziehung wieder in Ordnung komme. Also richtig ist: Menschen
in brüchigen
Beziehungen neigen verstärkt dazu, umzuziehen.
Quelle: Ärztezeitung 13./14. 10. 06
Hier nun das erste Beispiel:
Da berichtet die Zeitschrift "Kassenarzt" (welche an die niedergelssenen
Ärzte geht) in Hefft 23 (2005) auf der Seite 3: Wissenschaftler
einer Klinik namen Charitè hätten erstmals mit hirnphysiologischen
Untersuchudngen bewiesen, dass exzessives Comptuerspielen zu einer
Sucht werden kann. Abgesehen davon, dass Exzessives meist
schon der Ausdruck der Sucht ist und nicht erst dahinführt, ist
gar nichts bewiesen.
Die Computerspielsucht beruhe auf den gleichen Mechanismen wie
Alkohol- und Cannabissucht. Abgesehen davon, dass Alkoholsucht
todsicher zu einer eigengesetzlich verlaufenden körperlichen Abhängigkeit
führt und Cannabis nicht, wird hier ein beobachtbares Verhalten
unreflektiert mit Stoffwirkungen in Bezug gebracht. Natürlich ist
die gemeinsame Endstrecke dass, was freud schon als das Lustprinzip
benannt hat. Somit ist es natürlich, dass analoge hirnphysiologische
Reaktionen zu erwarten sind. Das Ergebnis ist somit trivial und
beweist gar nichts.
Kritisch betrachten muss man das Design, die die Gleichartigkeit
der Ergebnisse verständlich macht. Den Probanden wurden Bilder
gezeigt von Computerspielen, Alkoholflaschen und neutralen Gegenstände.
Abbildungen von Cannabis wurden nicht gezeigt, daher ist die Übertragung
auf Cannabiswirkungen schon mal unzulässig. Nun habe die Abbildung
von Computerspielen bei den Spielern einen viel stärkeren Reiz
ausgelöst als die anderen Abbildungen und vice versa. Da sind wir
wirklich beeindruckt von soviel handfestem Forschungsergebnis.
Schon Freud hat sich mit der Aktivierung von Erinnerungsspuren
an lustvolle Erlebnisse ausführlich beschäftigt und sogar die Bedeutung
dieser Mechanismen für die seelische Entwicklung benannt. Das scheinen
die Wissenschaftler aber nicht zu wissen.
Auch die akademische Psychologie der Wahrnehmung weiß darum: Man
sieht, was man kennt und man sieht, was man sucht.
Die Psychoanalyse hat klar aufgezeigt, dass die Entstehung von
Sucht immer handelt von Regulierung von emotionalen Spannungen
- also Abwehrfunktion haben (von Depression, narzißtischer Leere,
Aggression, oraler Gier etc.).
Somit kann man sich freuen, dass dieses Experiment die Grundkonzeption
der analytische Therorie bestätigt, auch wenn der "Kassenarzt"
das Thema in eine pseudo-organische Richtung bringen will. Wahrscheinlich
hat die Pharmaindustrie schon die passenend molekularen Designs
für die Pillen in der Schublade - solche Forschungsberichte dienen
ja oft dazu, die Kassenärzte auf die Rezeptur vorzubereiten.
2006 Juli - Weiteres Beispiel:
Ein Forscherteam hat nun mit großem Aufwand herausgefunden, dass
die Persönlichkeit einen großen Einfluss auf die Entstehung von
Arbeitssucht hat. Wer hätte das gedacht?
Offensichtlich haben die Forscher die psychoanalytische Literatur
nicht zur Kenntnis genommen, sondern mußten zwecks Bewilligung
vonFforschungsmittel erst einmal behaupten, dass die Ursachen der
Arbeitsucht noch nicht vollständig geklärt sind.
So ist dann für die Forscher ganz überraschend herausgekommen,
dass Menschen mit neurotischen Problemen am ehesten zur Arbeitssucht
neigen.
Für Psychoanalytiker ist dabei nichts herausgekommen, denn die
interessanten differentiellen Fragen wurden erst gar nicht aufgegriffen.
Dies sind z.B. die Fragen nach den Zusammenhängen von ödipaler
rivalität, Kastrationsängsten, narzißtischen Problemen, Zwanghaftigkeit
bzw. die allgemeine Frage von Arbeit und Abwehr.
Den Forschern kann man nur raten, eine zweite Studie zu machen
über den Zusammenhang von Arbeitsstörungen und Persönlichkeit.
Sie werden - oh Wunder - ein vergleibares Ergebnis haben - also
dass die Persönlichkeit von hohem Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
ist. Dann müssen diese Studien noch in anderen Ländern und
mit anderen Stichproben wiederholt werden. Zu Schluss sind Metaanalysen
gefordert. So kann man wunderbar weitere Forschungsgelder
abschöpfen. Ein Handicap hat das Forschungsthema allerdings: Die
Verände von Industrie und Handel werden wohl nicht als Sponsoren
auftreten!
Literatur: Burke, R., S. B. Matthiesen; S. Pallesen: Personality
correlates of workaholism. Personality and Individual Differences
2006. Heft 5, S. 1223-1233.
|