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Theorie.
Psychoanalytische Begriffsbildung - 2008 03 30
Problematisch für die psychoanalytische Therorie sind
Unschärfen in der Begriffsbildung. So wird oft nicht zwischen soziokulturellen
Üblichkeiten, historisch tradierten Gewohnheiten und Ritualen und
Ethik auf der einen und der nüchternen Betrachtung psychischen
Funktionierens auf der anderen Seite unterschieden. Besonders amerikanische
Psychoanalytiker neigen dazu, theretische Konzeption aus der engen
Welt der weiß-amerikanischen Mittelschicht zu sehen.
Dieses Problem durchzieht die gesamte Theorie: geschlechtsspezifische
Entwicklung, Sexualentwicklung, Entwicklung der Objektbeziehungen
, ödipale Dynamik, Über-Ich-Entwicklung, Identität usf bis hin
zu den Vorstellungen zur Pathologie, welche z. B. eine intensive
Auseindadersetzung mit Geschichte, kultureller Entwicklung und
dem Konzept von "Normalität" erfordert.
Z.B. ist der Begriff der Begriff der "Grenzstörungen" problematisch,
weil er durch das Wort "Grenze" eine evidenz von Verständnis vermittelt,
welche aber täuscht. Der Begriff wurde in der Nosologie benutzt,
dann auf psychische Funktionen erweitert Störung der Selbst-Objektabgrenzung)
und nun immer häufiger trivialisierend auf menschen angewandt,
welche soziokulturelle Grenzen nicht einhalten.
Auch die impliziten und oft unreflektierten Normalitätsvorstellung
sind ein Problem. Z.B. wenn amerikanische Autoren auf dem
Hintergrund ihrer prüderistischen, sexualfeindlichen, aber gewaltverharmlosenden
Mittelschichtskultur über Sexualität schreiben. Französische Autoren
haben hier ein deutlich höheres Niveau an Differenzierung und Einsicht
in historische und kulturelle Variationen.
Selbst das Normalitätskonzept
ist schon ein Problem - neben vielen anderen wird oft der Generalfehler
gemacht (der einfach vom naturwissenschaftlichen Forschungsparadigma
übernommen wurde), dass "normal" gleich "gut, gesund" und
Abweichung "nach unten" gleich "falsch, krank" gesetzt wird.
2006 September
"Internet-Sucht" tritt meist auf dem
Boden eines psychischen Grundleidens auf - in dieser Häufigkeitsreihenfolge:
Angststörungen, depressive Episoden, Substanzabhängigkeiten,
posttraumatische Belastungsstörung." Die Mehrheit der
Betroffenen sei im sozialen Umgang stark verunsichert. Rückenschmerzen
und Nervosität seien überhäufig. Pathologische
Internet-Nutzung sei etwa 32
online-Stunden wöchentlich. Bisherige Untersuchungen hätten
sich nur auf eine Online-Umfrage beschränkt. Kratzer folgerte:
Therapie der Internet-Abhängigkeit bedeute
in erster Linie Therapie der Grunderkrankung.
Das also ist das
Forschungsergebnis von Silvia Kratzer.
Kommentar:
Die Ergebnisse scheinen zutreffend
zu sein. Sie entsprechen der klinischen psychoanalytischen
Erfahrung. Die akademische Psychologie erfindet ja gerne immer
wieder neue Abhängigkeiten, die dann von der Publikumspresse
als neue Krankheit präsentiert werden. Aus psychoanalytischer
Sicht handelt es sich allerdings praktisch immer im innere
Prozesse der Gegenregulation (z.B. Gegenbesetzung) aus Abwehrgründen.
Fragwürdig ist allerdings die zeitliche
Festlegung, z.B. der Hinweis auf die 32 Stunden. Ob eine Aktivität
pathologisch ist oder nicht, ergibt sich aus der Krankheitslehre
- d.h. psychoanalytisch gesehen aus dem Spannungsverhältnis
von Konflikt und Abwehr und aus der Struktur. Politisch gesehen
sind hohe Onlin-Aktivitäten erwünscht: Wer an der Leine ist,
geht nicht demonstrieren.
Silvia Kratzer:
Pathologische Internetnutzung
Pabst 2006, 112 Seiten, ISBN
10:3-89967-317-4
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